‚Journey To Jah‘ im Interview: Gespräch mit Gentleman & den Filmemacher über ihren Kinofilm

Reggae

gentleman_interview_150Journey To Jah‘ auf Grossleinwand: Am 20. März ist die Doku mit und über Gentleman und Alborosie in den Schweizer und Deutschen Kino’s angelaufen. An der Luzerner Vorpremiere von ‚Journey To Jah‘ hat sich Reggaenews.ch mit den Regisseuren Moritz Springer und Noël Dernesch und dem Hauptdarsteller Gentleman zusammengestetzt und über die Entstehung, die Motivation und Hindernisse von ‚Journey To Jah‘ unterhalten.

Interview: Joel Dittli, Fotos: Demian Hartmann

 

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Reggaenews.ch: Journey To Jah hat eine lange Reise hinter sich. Wie kam es dazu, dass ihr schlussendlich diesen Film gedreht hat?
Moritz: Nach dem Abitur wollte ich unbedingt raus aus dem gewohnten Umfeld und landete per Zufall in Shashamane, einer Rasta Kommune in Äthiopien. Die Kultur – eine Mischung aus Musik, Spiritualität und Ganja faszinierte mich. Als ich dann auch in Deutschland auf Rastas traf, wurde diese Faszination weiter gestärkt. Dabei stellte sich mir zum ersten Mal die Frage: „Wie kommt ein Weisser dazu sich mit einer schwarzen Kultur zu identifizieren“.

Noël: Als Moritz dann auf mich zukam, entwickelte sich aus einer Idee das konkrete Projekt und es wurde klar: Der Fokus sollte auf Jamaika liegen. Da wir aus einem europäischen Umfeld stammen, war es dann naheliegend, Gentleman anzufragen, um mit ihm in die Kultur Jamaikas einzutauchen.

Reggaenews.ch: War dir sofort klar, dass du mitmachen würdest, als du angefragt wurdest oder gab es Zweifel?
Gentleman: Ich denk man merkt ziemlich schnell, ob die Vibes zwischen Menschen passen, was der Fall war. Und es war von Anfang an das Gefühl da: Das wird ein gutes Projekt. Ausserdem hat mir die Offenheit und Spontanität der beiden gefallen, was sehr wichtig ist, wenn man in Jamaika arbeiten will. Denn dort ist planen schlicht nicht möglich!

Das Projekt begann ja schon vor 7 Jahre. Diese lange Zeitspanne ermöglichte es uns zusammenzuwachsen, sodass ich schlussendlich nicht mal mehr wahrnahm, dass ich gefilmt wurde. Und so war es auch bei anderen Protagonisten des Films. Viele Jamaikaner sind ja eher kamerascheu. Dafür war das Gespür, die Sensibilität der Regisseure sehr wertvoll – nur so konnten die Szenen dermassen authentisch gefilmt werden.

Reggaenews.ch: Welche anderen Protagonisten kommen im Spiel vor? Wie verlief das Auswahlverfahren?
Moritz: Nebst Gentleman gibt’s da noch Alborosie. Bei ihm fanden wir spannend, dass Alborosie tatsächlich in Jamaika lebt und er sich noch stärker als Gentleman mit der Rasta Kultur identifiziert. Natty ist der Typ, der Gentleman als Fahrer herumführte, als dieser das erste Mal in Kingston war.

Gentleman: Natty kennt Kingston wie seine Westentasche, kennt alle Studios, alle Abkürzungen. Er ist ein unglaublich herzlicher Mensch. Er selbst ist gläubiger Rasta, ohne aber dogmatisch oder missionarisch an die Sache ranzugehen. Obwohl er im Ghetto lebt, glaub ich, dass er seinen Frieden gefunden hat. Nicht zuletzt wegen seinem Humor!

Moritz: Dann gibt’s da noch Terry Lynn. Sie ist jamaikanische Musikerin, macht aber nicht etwa (wie fast alle Jamaikaner) Reggae oder Dancehall sondern Elektro-Rock mit Punkeinflüssen. Hier haben wir das gegenteilige Pendant zu Gentleman, der sich als Europäer von der jamaikanische Kultur hat inspirieren lassen. Ausserdem war es interessant, eine Frau dabei zu haben, da es sich bei Jamaika um eine stark von Männern dominierten Gesellschaft handelt.

Ebenfalls mit dabei ist Carolyn Cooper, die mit ihrem etwas weiteren Horizont für die intellektuellen Perspektive sorgt. Sie hat es geschafft die Kultur auf eine höhere Ebene zu transformieren und Zusammenhänge auch politisch darzustellen.

Daneben gibt’s noch Jack Radics und Richie Stephens, welche beide jamaikanische Musiker und oder Produzenten sind.

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Reggaenews.ch: Wie war es für dich für einmal nicht auf der Bühne sondern vor der Kamera zu stehen?
Gentleman: Ich hab eigentlich nur das gemacht, was ich immer mache in Jamaika. Der Unterschied war halt, dass ich begleitet wurde. Vor dem Einschlafen und wenn ich aufgewacht bin, war halt einfach eine Linse vor dir (lacht). Ich hab mich aber schnell daran gewöhnt und hab mich auch sehr wohl gefühlt, da wir im Verlauf des Projekts gute Freunde geworden sind. Es war dann auf jeden Fall auch eine sehr interessante Erfahrung, den Film anzuschauen und zu sehen, was da eigentlich draus geworden ist.

Reggaenews.ch: Was waren die grössten Schwierigkeiten in Europa?
Moritz: Money (lacht).

Noël: Die grösste Herausforderung war sicherlich die Finanzierung des Films. Aber auch das Finden einer Produktion, die unsere Vision vom Film verstand und mittrug, war schwierig. Wir waren insgesamt bei drei Produktionen in der Schweiz, was irgendwie nicht funktionierte. Schlussendlich wurden wir in Berlin bei „Port-au-Prince“ fündig.

Ebenfalls sehr wichtig war Laurin März, unser Co-Produzent aus der Schweiz, der ebenfalls von Anfang an mit dabei war. Und erst mit dieser Deutsch-Schweizerischen Co-Produktion hat’s dann geklappt.

Wir haben dann auch noch eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, welche uns extrem viel Aufwand gekostet hat. Im Gegenzug haben wir wohl auch den Promoeffekt unterschätzt – das Projekt ging gefühlt einmal um die Welt und wir erhielten Feedbacks von Orten, von denen wir niemals Feedbacks erwartet hätten.

Reggaenews.ch: Was wäre passiert, wenn das Crowdfunding gescheitert wäre?
Moritz: Das kann man so nicht beantworten. Dieser Film hatte so viele Höhen und Tief. Was aber auch die Stärke des Projekts ausmachte – wir haben stets daran geglaubt und es gab auch viele andere Menschen die daran geglaubt haben und uns noch mehr darin bestärkt haben, den Film fertigzustellen. Beispielsweise haben wir im Dezember 2006 gedreht und das nächste Mal erst wieder 2010. Drei Jahre lang haben wir da am Drehbuch gearbeitet, Geld gesammelt und plötzlich hat sich wieder eine Möglichkeit ergeben, sodass wir weiterdrehen konnten.

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Reggaenews.ch: Wie verliefen die Arbeiten in Jamaika?
Noël: Jamaika war für uns absolutes Neuland. Wir kamen am Flughafen an, gingen dann ziemlich direkt an ein riesiges Festival und wurden sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Nach und nach trafen wir verschiedene Menschen und es war nicht sehr einfach, die richtigen Leute zu finden. Uns war wichtig, dass wir Leute dabei hatten, die mehr als die üblichen Klischees von Reggae, One Love and Unity zu bieten hatten und bereit waren, sich mit gewissen Fragen auch kritisch auseinanderzusetzen. Und da hat uns Gentleman viele Türen geöffnet.

Moritz: Es ist halt eine fremde Kultur. Man muss sich da immer wieder selber hinterfragen, um über Klischees hinwegzusehen zu können. Es war auch gut, dass wir immer wieder Abstand genommen haben, nach Deutschland zurückgekehrt sind und das gedrehte Material ausgewertet haben. Bei den Aufnahmen von 2006 haben wir gemerkt, dass Jamaika damals sozusagen auf uns eingestürmt ist. Je länger und näher wir am Thema dran waren, desto konkreter und zielgerichteter wurden dann auch die Aufnahmen, bis klar war, was nun im Film wirklich abgehandelt werden sollte.

Noël: Wir hatten schlussendlich 125 Stunden Filmmaterial und es war eine immense Arbeit die Dramaturgie und die einzelnen Figuren zu positionieren. Das hat zum einen Spass gemacht, war aber auch harte Knochenarbeit.

Moritz: Das macht ja auch den Unterschied zu einem Spielfilm aus: Während beim Spielfilm das Drehbuch meist schon steht, ist im Dokumentarfilm nicht immer so klar, was in den Film kommt und was nicht. Erst beim Schneiden entsteht dann der Film.

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Reggaenews.ch: Der Film behandelt verschiedene Themen: Musik, Spiritualität, Religion und das Eintauchen in andere Kulturen. Was ist denn die Message, die ihr mit dem Film verbreiten wollt?
Gentleman: Was ich am Film so sehr mag, ist dass er auf eine ganz unaufdringliche Weise essentielle Fragen stellt, die uns alle beschäftigen, egal aus welchem Kulturkreis wir kommen. Und das ist auch das, was mir als Musiker, als viel reisender Mensch und auch als Zeitzeuge immer wieder auffällt: Es gibt einen gemeinsamen Nenner! Es gibt einfach gewisse Fragen, die universell sind. Und hier kommt der Bezug zur Musik – es ist DIE universelle Sprache.

Ich find der Film geht auch stark in die Breite. Es ist kein Film über Reggae, oder Gentleman und Alborosie, sondern es geht um „crossing boarders“, darum dass wir Dinge tun, die uns unsere innere Stimme sagt, getrieben von Zweifeln, Hoffnung und Glaube.

Moritz: Es geht natürlich schon um die Suche nach Spiritualität. Eine wichtige Message ist auch, dass man sich aufs Wesentliche konzentrieren soll – kacken, atmen essen [jemand nennt Ganja]. Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft, wo das materialistische oft im Fokus steht. Man spürt im Film vor allem bei Natty oder Terry Lynn, dass es einen Lebensinhalt und –sinn gibt, welcher abseits vom Materialistischen liegt. Und genau das wollte ich gerne mit dem Film anstossen – dass es möglich ist und dass man den Mut haben soll, solchen Dingen zu folgen.

Noël: Mir war’s immer wichtig, den Betrachter auf einer persönlichen Ebene zu berühren, fernab von Jamaika oder Reggae. Die Ängste und Hoffnungen sollten das Kopf-Kino ins Rollen bringen und das ist uns glaub mit dem Film ziemlich gut gelungen. Fragen wurden nicht immer beantwortet, sondern auch einfach Mal aufgeworfen, sodass sich der Einzelne selber damit auseinandersetzen musste.

Gentleman für Reggaenews.ch: Wird der Film in Jamaika wahrgenommen? Wie sieht’s mit Kino aus?
Noël: Wir wollen den Film unbedingt auch in Jamaika zeigen, nur schon für die Menschen, die über lange Zeit involviert waren. Dabei ist Carolyn Cooper sehr bestrebt, den Film in Jamaika zu zeigen und ich bin mir sicher, dass wir das auch tun werden, sobald die Zeit reif ist. Ein Releasedatum gibt’s aber noch nicht.

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Reggaenews.ch: In den letzten Jahren gab es immer wieder Reggaefilme, die in den Kinos liefen. Habt ihr eine Erklärung dafür, warum es viel weniger Rock- oder Hip-Hop-Filme gibt?
Gentleman: Ich würd den Film jetzt gar nicht unbedingt als Reggaefilm bezeichnen. So oder so, für mich ist Roots Reggae einfach das Genre, welches am meisten Message transportiert. Ich finde in keiner anderen Musik eine solche Aussagekraft, eine solche Gewalt des Wortes – weder im Hip-Hop, noch im Rock oder R&B. Reggae hat für mich persönlich die grössten Inhalte und ist durch die Verbindung zu Rasta auch spirituell tiefsinnig. Vielleicht ist das der Grund.

Ausserdem glaub ich, dass wir global gerade eine spannende Zeit durchleben. Und keine Musik reflektiert das Geschehen so gut und anschaulich, wie Reggae dies tut!

‚Journey To Jah‘ läuft seit dem 20. März in ausgewählten Kinos in der Schweiz und in Deutschland. DVD Veröffentlichung ist für den Herbst geplant.

httpv://www.youtube.com/watch?v=nenKvtLtFRY

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