Interview: Konshens über die Zensur in Jamaica, seine Musik und Europäische Riddims

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Diggin in the Crates 2.0: Auf einer reanimierten Festplatte stiess ich kürzlich auf eine verstaubte Soundatei – Dateiname „konshens.mp3“ – ein Mitschnitt eines 30minütigen Telefon-Interviews mit dem jamaikanischen Dancehall-Star und Qualitätsgarant Konshens.


Heute bist du in Paris und hattest einen Off-Day. Hattest du Zeit die Stadt anzuschauen, Paris, the city of love?
Ich bin zwar schon das zweite Mal in Paris, aber hatte nie Zeit für eine Sightseeing-Tour. What really happenin‘, ich war gerade an einer Dubplate-Session und habe die Soundmen mit neuen Tunes versorgt. So hat heute mein Nachmittag ausgesehen.

Sogar an deinem Off-Day musst du also arbeiten.
Definitly, it never stop, you know, music is a thing that go on and on. Wenn du dich einmal entschieden hast für eine Karriere als Musiker kannst du nicht einfach frei nehmen. It’s a lifetime-thing, not really a job.

Zurzeit bist du in Europa unterwegs und spielst die ‚Realest Tour‘. Wie läufts und ist es eigentlich eine Herausfordung hier zu spielen, immerhin sind deine Sets um einiges länger als in Jamaika?
Nein, es ist nicht wirklich keine Herausforderung, denn durchgestartet bin ich in Japan. Dort hat meine Musikkarriere angefangen und Europa ist ein ähnlicher Markt. Hier wollen die Leute nicht nur den Refrain und die erste Strophe hören, sondern die ganzen Song. Die Sets sind sehr lang, eineinhalb Stunden bis zu zwei Stunden und wir geben 100% auf der Bühne.
Die Shows laufen soweit sehr gut, me nah lie. Ich bin wirklich sehr zufrieden und für Darrio, meinen Support-Act, läufts ebenfalls sehr gut und er realisiert, dass auch er eine Fanbase hat in Europa. Me like it, man.

Du bist einer der wenigen Künstler, die sowohl wunderschön singen können, aber auch den ruffen-DJ-Style drauffhaben. Wo hast du diese Handwerke erlernt? Hast du gesungen bei einem Sonntags-Chor….
(unterbricht) Nein überhaupt nicht. Ich glaube nichts was mich heute als Artist ausmacht habe ich irgendwo ‚erlernt‘. Es hat sich einfach natürlich entwicklet. Seit ich klein bin liebe ich Musik. Ich war sehr angetan vom Hardcore-Dancehall, aber auch von Soul oder langsamen Reggae. Ich habe mein Handwerk nicht bei einem anderen Künstler oder Produzenten erlernt, es ist einfach Liebe für die Sache.

Viele jamaikanische Eltern sehen es gar nicht gern, wenn ihre Kids eine Karriere als Sänger in Angriff nehmen. Wie war denn die Reaktion deiner Eltern als du im Musikbusiness gestartet bist?
Meine Eltern hatten keinen Einfluss auf meine Entscheidung ins Musikbusiness einzusteigen, denn mein Talent, meine Absicht als Artist Karriere zu machen, wurde erst sehr spät offensichtlich. Ich war bereits erwachsen als ich diesen Schritt machte.
Als ich ein Kind bzw. Teenager war, wusste zwar jeder, dass ich Musik liebe, aber niemand wusste dass ich im Geheimen zuhause in meinem Zimmer Songs schreibe. Für mich war es keine Priorität bekannt zu werden, ich sang auch nicht in der Kirche. Ich hatte nie die Absicht berühmt zu werden und in der Öffentlichkeit zu stehen.
Ich war eher auf die Schule fixiert – I was more the school-bookworm and football-playing type of youth. Damals wusste niemand was wirklich in meinem Kopf vorgeht. Für die Musik entschied ich mich erst als Erwachsen war und meine eigenen Entscheidungen treffen konnte.

Das erste Mal habe ich von dir gehört als du mit deinem Bruder Delus unterwegs warst als Sojah. Wie hat damals eigentlich alles angefangen?
Angefangen hat es eigentlich damit, dass ich mich an meinem älteren Bruder ranhänkte, wenn er ins Studio ging. Wenn er Stücke aufnahm, gab ich ihm Feedback und ich schrieb auch einige Stücke für ihn. Wir waren oft zusammen im Studio von Sugar Minott – that was where the love developed. Bei Sugar Minott konnte ich immer viele Künstler beobachten und treffen. Sie berichteten oft von ihren Ausland-Shows und wohin sie die Musik überall hinbrachte. Dort entwickelte sich mein Interesse eine Musik-Karriere in Angriff zu nehmen.

Dann nahm ich mit meinen Bruder im Cashplus-Studio ‚Pon de Corner‘ auf. Der Song stand über mehrere Monate auf Platz 1 der Reggae-Charts in Japan. That was how music really take me over to a professional standpoint.

Ihr hattet euren Durchbruch also zuerst in Japan, noch vor Europa und eurer Heimat? Wie erklärst du dir diesen Erfolg?
I don’t know. Es ist wohl die Macht der heutigen Technologie. For some strange reason the japanese people really gravited towards, because they like melody and the topic of the song. Der Song verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wir wurden für eine einmonatige Tour eingeladen. Ein Jahr später veröffentlichten wir in Japan ein Album und spielten nochmals eine Tour.

Ist eigentlich wahr, dass du in Japan dein erstes richtige Konzert gegeben hast?
Yeah…(grinst) Die allererste Show vor Publikum war tatsächlich in Japan im Jahr 2005. Es war eine Clubshow. So Big up the japanese dem for kicking off my career.

Erzähl mal wie war das damals. Immerhin warst du neu im Business und kilometerweise weit weg von deiner Heimat.
Es hat mir die Augen geöffnet. In Jamaika geht’s immer nur darum was im Moment angesagt ist. In Jamaica observing the musicscene is all about what’s hot and current. Alles verändert sich sehr schnell, täglich werden neue Hits produziert und neue Künstler kommen ins Business. Man kriegt gar nicht richtig mit, dass Reggae auch anderswo sehr angesagt ist und dass es viele ausländische Leute gibt, welche die jamaikanische Musik intensiv verfolgen.
Für mich, damals ein 9-5 arbeitender Youth, wars natürlich unglaublich als ich auf die Bühne kam und die Leute so laut mitsangen, dass ich meine eigene Stimme kaum mehr verstehen konnte. Und das war eine Crowd, die nicht mal richtig der englischen Sprache mächtig war. (Lacht)

Auch wenn dies dein erster richtiger Auftritt war, du hast bestimmt schon bei Soundsystems gesungen in Jamaika?
Yeah, jaman.

Vor gut drei Jahren hast du zusammen mit deinem Bruder ein Album veröffentlicht, das von der österreichischen Irievibrations-Crew produziert wurde. Wie kam es eigentlich zu diesem Kontakt und warum habt ihr euch entschieden ein ganzes Album aufzunehmen?
The power of the internet once again and the power of good music, you understand? Wenn du die Riddim der Irievibration-Crew hörst, könntest du auch denken, es sei ein Studio-One Riddim. They really have the authentic reggae vibe inna dem place.
Die Irievibration-Jungs haben uns durch Myspace gefunden, uns eine Nachricht geschickt und so hat die Zusammenarbeit angefangen. Zu dieser Zeit betrieben sie noch ein Soundsystem (Irievibration Sound, der immer noch existiert; Anmerkung der Redaktion) und kontaktierten uns zum Dubplates aufnehmen. Gleichzeitig schickten sie uns aber auch einige ihrer Riddims. Da wir beeindruckt waren von der Qualität ihrer Arbeit und zwischen uns die Chemie stimmte, beschlossen wir dann ein ganzes Album aufzunehmen. And the album good, man.

In den letzten zwei Jahren hast du auch mit anderen europäischen Produzenten zusammengearbeitet (z.b. Big Era, Oneness). Was denkst du über die europäischen Produktionen, speziell wenn du diese mit Riddims aus Jamaika vergleichst?
Wenn ums Reggae geht, kann ich definitv sagen, dass das Niveau sehr hoch ist. Hier wird Original-Foundation-Reggae produziert, denn man zurzeit in Jamaika so stark vermisst. Dort dreht sich alles um moderne Produktionen. Die Zusammenarbeit mit europäischen Produzenten ist sehr erfrischend, hier glaubt man noch daran, dass Reggae am Leben ist und einen Platz hat im Musikbusiness. Die Qualität ist wirklich sehr hoch.

Haben die Produzenten, die dich mit Riddim-Versions beliefern einen Einfluss auf deine Songs oder nimmst du einfach deine Lyrics, deine Ideen auf die Version auf?
Nur ganz wenige Lieder im meinem Backkatalog wurden von Produzent beinflusst. Die meistens meiner Songs habe ich jeweils schon lange zuvor geschrieben. Ich geh also ins Studio und überleg mir welche Songidee zu der Riddim-Version passen würde. Manchmal passiert es aber auch, dass ich zu einem Produzenten gehe, der mir einen ganz heftigen Riddim gibt zudem ich dann einfach etwas Neues, Frisches schreiben muss.

In den letzten zwei, drei Jahren hast du eine unglaubliche Anzahl Lieder rausgehauen. Warum so extrem viele?
Because so the music-thing set up, man. Es ist zwar nicht wirklich hilfreich als Artist und Businessman so viele Songs in so kurzer Zeit zu veröffentlichen, aber ich kann’s einfach nicht lassen…sometime I’m addicted to music. Wenn ich einen guten Riddim-Track höre, eine gute Idee habe, nehm ich sofort einen Song auf – because tomorrow promised to nobody, yuh understand. So do the work.

Ist es für einen Künstler im Dancehall-Biz sehr wichtig ständig neue Songs rauszuhauen?
Defintiv in Jamaika, ja. Um dort aktuell zu bleiben, muss man ständig Zeug rausbringen und auf den angesagten Riddim-Selections Songs voicen.

Vor gut einem Jahr hat die Broadcast Comission beschlossen, dass im jamaikanischen Radio keine Lieder mehr spielen darf, die über Sex oder Gewalt sprechen. Was denkst du über dieses Verbot?
Es war zu 100% notwendig und zwar weil du bedenken musst, dass in Jamaika Reggae und Dancehall auch im Mainstream-Radio gespielt wird. Du willst nicht im Auto sitzen mit deinen Kinder, mit deinem Sohn, mit deiner Tochter und Hardcore-Dancehall-Lyrics hören. Aber, wenn du diese Songs hören möchtest als Erwachsener kannst du immer noch in die Dancehall gehen. Es gab allerdings diese Diskussion, dass die Jamaican Broadcast Comission unflätige Songs auch an Partys verbieten wollte. Die wollten Dancehall-Sound verbieten an Dancehall-Events, da bin natürlich strikte dagegen. Wenns aber um Radio-Zensur geht, bin ich einverstanden. Radios sind für alle da und man muss gewisse Grenzen setzen.

Verschiedene Lieder für verschiedene Tageszeiten und Orte?
Ja genau. Time and place for everything.

Hatte das Radio-Verbot dein Songwriting verändert?
Ja klar, es hat Einfluss auf die Texte aller Künstler. Es gibt jetzt eine klare Linie, die man überqueren kann oder nicht, wenn man will, dass ein Song im Radio gespielt wird. Artists, die nicht so kreativ sind, leiden bestimmt unter dem Verbot. Anderseits gibt es Künstler, die damit umgehen können, die einen ruffen Dancehall-Songs umschreiben können in eine saubere Clean-Version, die auch im Radioprogramm am Sonntagnachmittag gespielt werden kann.

Und für dich spielt das Verbot ja ohnehin keine Rolle, denn du hast ja locker 20 Dancehall-taugliche Songs und gleichzeitig 20 saubere Songs, die sich für den Radioeinsatz eignen.
Yeah, it’s a balance. Reggae und Dancehall ist eine sehr aggressive und auch sexuelle Art von Musik. Das ist ein Teil unser Kultur – you can’t run from it.

Einer der grössten Konshens-Songs ist ‚Good Girl Gone Bad‘ mit Tarrus Riley, der von Russian / Head Concussion produziert wurde. Wie seit ihr drei zusammengekommen?
Russian kennt mich und auch Tarrus Riley, wir drei haben alle grossen Respekt füreinander. Die Sache war so: Russian produzierte dieses krasse Instrumental und wollte umbedingt, dass Tarrus darüber einen Song aufnimmt. Wobei, um genau zu sein, eigentlich wollte er zuerst einen anderen Künstler aufnehmen, dann hörte Tarrus allerdings die Version und sang darauf eine erste Demo-Aufnahme ein. Tarrus meinte, ich solle umbedingt mit auf dem Riddim sein. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings gerade auf Tour im Ausland, doch als ich zurück war und hörte was Tarrus aufgenommen hat, voicte ich dazu ebenfalls eine Demo-Version und war kurz darauf wieder unterwegs für ein paar Shows. Wieder zurück gingen wir ins Big Yard Studio – vibe it out – und nahmen die finale Version auf von ‚Good Girl Gone Bad‘. Working with Tarrus Riley was like musicschool.

httpv://www.youtube.com/watch?v=V3cH53Tod0M&playnext=1&list=PL14220857EAB36E71

Man hört immer wieder von Diskussionen, die dich als  Künstler sehen, der das Potential hat Reggae und Dancehall zurück in den Mainstream zu bringen ähnlich wie es Sean Paul gemacht hat vor einigen Jahren. Wie stehst du dazu?
Mein Fokus liegt hauptsächlich darauf gute Songs rauszubringen und nicht Dancehall in den Mainstream zu bringen. Im Moment gibt’s zu viele Künstler, die sich nur um die Business-Seite kümmern. Viele Leute versuchen Geld zu machen anstatt, dass sie gute Musik für die Fans produzieren. Wenn es Leute gibt, die in mir ein solches Potential sehen, dann freut mich das. Aber ich konzentriere mich hauptsächlich darauf gute Musik zu machen.

Ich bin fast fertig, aber eine Frage muss ich dir einfach noch stellen: Wann kommt endlich dein Debüt-Album – das erste Konshens-Solo-Album?
Das ist eine Frage, die mir mittlerweile bestimmt eine Million Mal gestellt wurde. Wir sind bereit und eigentlich nur noch am schauen, welches Label das Album rausbringen wird.

Glaubst du persönlich noch an das Format ‚Album‘? Heute wird die Musik sowieso runtergeladen und gerade in der Reggae und Dancehall-Welt ist das Single-Format viel wichtiger.
Nein, ich denke ein Album ist immer noch 100% notwendig. In der heutigen Zeit verkauft man zwar kaum mehr Alben und macht damit auch kein Geld, aber es gibt immer ein oder zwei Fans, die deine Arbeit sehr schätzen und auf ein Album warten. Um diese Leute muss man sich kümmern.

Und ein Album ist auch schön, nur schon um es später mal den Kindern zu zeigen.
Ja, genau.

httpv://www.youtube.com/watch?v=iNGZnoW356I&

httpv://www.youtube.com/watch?v=vVGyuTLMTTA

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