[Interview] Sebastian Sturm & Exile Airline über ihr aktuelles Album ‚A Grand Day Out‘

Reggae

sebastiansturm_150_2014Nach ‚Get Up And Get Going‘ im 2011 legte der Deutsch-Indonesier Sebastian Sturm im November letzten Jahres ‚A Grand Day Out‘ nach – sein mittlerweile zweites Album mit den Musikern von ‚Exile Airline‘.

Reggaenews-Redaktor Joel Dittli hat mit Sebastian Sturm & Christian Golz über die Entstehung des aktuellen Albums gesprochen, ihren Aufenthalt in Jamaika und die Featurings mit Groundation-Sänger Harrison Stafford & Veteran Albert Minott gesprochen.

Interview: Joel Dittli 

[Reggaenews.ch] Im November habt ihr das Album „A Grand Day Out“ released. Was hat sich gegenüber dem Vorgängeralbum „Get Up And Get Going“ verändert?

[Sebastian Sturm] Der Unterschied liegt in erster Linie in der Produktion. Denn dieses Mal haben wir es nicht in irgendeinem Kellerloch in Deutschland aufgenommen. Stattdessen haben wir uns mit zwei jamaikanischen Produzenten zusammengetan: Samuel Clayton Junior und Steven Stewart. Wir mussten nicht mehr herausfinden, wie man Roots Reggae richtig aufnimmt, sondern hatten zwei Kollegen dabei, die das ihr Leben lang gemacht haben und die uns schlussendlich auch einiges zeigen konnten. Für uns war’s eine super Erfahrung mit Leuten eine Platte aufzunehmen, die wirklich wissen, wie man’s macht.

War der Einfluss der Beiden auf den Sound gross? Inwiefern haben Clayton und Stewart euch musikalisch beeinflusst?

[Sebastian Sturm] Das war so fifty-fifty. Bei fünf, sechs Songs haben die beiden sich das im Vorhinein angehört und gesagt „nehmt das einfach so auf“. Hingegen war es vor allem bei den Balladen so, dass die Produzenten ziemlich stark ins Detail gegangen sind und solange an den Songs gebastelt haben, bis sie dann zufrieden waren.

[Christian Golz] Durch die hohe Kreativität in der Band war es sehr einfach, Ideen umzusetzen. Die Denkanstösse der Produzenten wurden aufgenommen und flossen dann in die Songs ein. Schlussendlich war es ein kreatives Team, welches bei dem ganzen sehr viel Spass hatte.

[Sebastian Sturm] Wir haben auch viel mehr auf gute Vibes gesetzt, als dass wir völlig „verkopft“ an die Sache rangegangen wären, wie wir das bei den vorherigen Alben gemacht haben. Letztendlich hatten wir nur zwölf Tage Zeit um das Ganze aufzunehmen. Daher musste man halt auch mal fünf gerade sein lassen, um das Ganze überhaupt pünktlich fertig zu kriegen. Bei den anderen Alben war es zum Teil eine halbjährige Tüftelei und eine eher anstrengende Sache. Das neuste Album hat gerade deswegen einen Charme, den es bei der früheren Herangehensweise vielleicht nicht gehabt hätte.

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Wo und wie habt ihr aufgenommen?

[Sebastian Sturm] Den Produzenten war eigentlich egal, wo genau das Album aufgenommen werden sollte – sie nahmen ihr fahrbares Equipment einfach mit nach Deutschland. Der Mix sollte jedoch in Jamaica im Harry J Studio in Jamaica gemacht werden. Für uns war es das erste Mal, dass wir nach Jamaica fliegen konnten. Chris und ich haben dort das Album gemixt und nebenbei wollten uns die beiden Produzenten rasch die ganze Insel zeigen…
Wir haben dann halt gefunden, dass wir dieses Privileg in Jamaica zu sein auch mit dem Rest der Band teilen wollten und haben’s dann im Januar geschafft.

Wie war dieser Aufenthalt in Jamaica mit der ganzen Band?

[Sebastian Sturm] Es war super! Jeden Tag ein neues Abenteuer… Die Live-Session im Harry J’s Studio, Radiotermine oder die Morning-TV-Show „Smile Jamaica“ mit 80% Einschaltquote.

[Christian Golz] Das war echt krass. Gefühlt ganz Jamaica hat diese Show gesehen und sie ist sehr gut angekommen. An einer Kreuzung liessen wir die Scheibe runter und die Leute rundherum kamen alle zum Auto, weil sie uns wiedererkannt hatten. (Video vom TV-Auftritt)

Was war die grösste Herausforderung in Jamaica?

[Sebastian Sturm]  Das Konzert im „Red Bones Club“. Wir waren echt gespannt, was die Jamaicans dazu sagen würden. Im Harry J’s Studio haben wir viele unserer Helden wie Harrison Stafford, Pablo Moses oder Kiddus I getroffen und diese eingeladen. Dass dann tatsächlich so viele ans Konzert kommen würden, haben wir aber nicht erwartet und das war natürlich sehr cool! Und auch beim Rest des Publikums ist unser Konzert sehr gut angekommen.

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Wie kam es zu den beiden Featurings mit Harrison Stafford (von Groundation) und Albert Minott (von The Jolly Boys)?

[Sebastian Sturm]  Mit Groundation ist ja inzwischen schon eine Bandfreundschaft entstanden, durch gemeinsame Touren und schon beim letzten Album wollten wir eigentlich ein Featuring machen. Es ist dann aber nie dazu gekommen.

[Christian Golz]Als wir dann eines Tages Harrison in Frankreich getroffen haben und dieser meinte „I wanna be on the record“, ist uns ein Song in den Sinn gekommen, den wir kurz zuvor noch in Jamaica gemixt haben und wir waren uns sicher, dass dieser Song perfekt passen würde. Und so hat es dann doch noch geklappt.

[Sebastian Sturm] Leider konnten wir das Featuring nicht gemeinsam im Studio machen. Es war ein Hin- und Herschicken von Aufnahmen und ein bisschen Absprache über unsere Ideen. Was dann dabei rausgekommen ist, ist aber echt sehr geil.

Bei Albert Minott war’s dann ganz anders. Als wir in Jamaica waren um das Album zu mixen, hatten dann Clayton und Stewart die Idee, ihn für ein Featuring zu gewinnen. Ich war anfangs ein bisschen skeptisch, wusste nicht, ob Alberts und meine Stimme zusammenpassen würden. Doch schlussendlich ist auch diese Zusammenarbeit super rausgekommen und es war wirklich einer der schönsten Tage auf Jamaica!

[Christian Golz] Was mich sehr geehrt hat, ist, dass beide Artists bisher noch kein einziges Featuring gemacht haben. Albert war sogar extrem nervös, als er im Studio ankam. Das hat sich dann aber schnell gelegt und es war echt eine mega Erfahrung.

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Inwiefern beeinflusst dich deine Vergangenheit als Punk-Musiker heute noch?

[Sebastian Sturm]  Ich glaub in meiner Bühnenperformance und meinem Gehabe. Ich versuch nicht unbedingt den „original Jamaican“ zu imitieren (was ich auch nicht könnte). Vielleicht auch ein bisschen in der Art und Weise wie ich Songs schreibe und auch zum Teil in den Lyrics. Und wenn man unsere Platten hört, merkt man, dass ein bisschen „Dreck“ auch bei uns dazugehört.

Was steckt hinter dem Cheer Up Trio?

[Sebastian Sturm]  Das war unser kleines Acoustic-Project. Dabei waren Moses, der immer noch bei uns spielt und Dan, der jahrelang bei uns Keyboard gespielt hat und jetzt sein eigenes Projekt hat.

Wir haben festgestellt, dass unsere drei Stimmen super geeignet waren, um die alten Traditionals zu singen.  Es fing an mit alten Wailers Songs wie „Keep On Moving“ und ging weiter bis zu „Police And Thieves“ von Junior Murivn.

Leider sind wir nicht mehr wirklich aktiv was dieses Projekt angeht, aber die Zeit wird sicherlich wiederkommen.

Was haltet ihr von Martin Zobel oder Jahcoustix?

[Sebastian Sturm]  Martin Zobel hat ja mit seinem Release „Land Of The Free“ den Vogel ziemlich abgeschossen und jetzt sogar nachgelegt. Mit ihm waren wir auch schon auf Tour. Und auch Jahcoustix ist mit uns befreundet. Ich denke wir tragen dazu bei, dass der Roots Reggae in Deutschland weiterlebt.

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Wie sieht denn die Zukunft des Roots Reggae aus?

[Sebastian Sturm]  Das ist halt unsere Aufgabe, das weiterzutragen. Ich glaube, dass, selbst wenn es immer wieder Phasen gibt, in denen sich keiner für Roots interessiert, der Stil nie aussterben wird. Die Songs sind ja sowas wie unkaputtbar und wer eine gute Reggae-Party erleben will, wird sich vielleicht auch paar Foundation Sachen anhören. Vor allem aber denk ich, dass auch in den kommenden Generationen die Nachfrage nach Live Roots immer vorhanden sein wird, sodass ich mir schlussendlich keine grossen Sorgen mache.

Was hältst du vom Reggae-Revival?

[Sebastian Sturm]  Find ich super! Bands wie Raging Fyah oder auch Uprising Roots feiern wir selber sehr und es ist cool, dass die Youths in Jamaica das Werk der früheren Generationen weiterführen. Vor allem die Tatsache, dass es inzwischen auch wieder richtige Bands gibt, freut mich sehr.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

[Christian Golz] Als erstes wollen wir natürlich weiterhin touren um das neue Album zu promoten. Dann wär da noch so eine Idee, die uns seit einiger Zeit beschäftigt – die Brasilien-Tour. Und Seit wir’s mit der ganzen Band nach Jamaika geschafft haben, glaub ich auch echt daran, dass auch Brasilien klappen könnte. Wir werden sehen.

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