Interview: John Holt über die ersten Gun Saluts in Jamaika, seine Musik und Blondie

Reggae

Es war Sonntagabend am Reggaejam-Festival in Bersenbrück (D): Einer der grössten Reggae-Sänger aller Zeiten – John Holt – betritt die Bühne. Ein legendärer Moment – denn trotz seiner fast 50-jährigen Karriere war es der erste Auftritt überhaupt auf dem europäischen Festland. In England, wo John Holt in den 70ger Jahren auch einige Charts-Hits landete, war er schon öfter, nie zuvor aber auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

Nach seiner Show empfing ein gutgelaunter John Holt drei neugierige Journalisten in seimem Backstage-Zelt. Seine französische Tourmanagerin kündete noch ein Zeitlimit von 10 Minuten an, auf den Aufnahmegeräten wurde der rote Knopf gedrückt und los ging’s…

Natürlich muss ich dich fragen, wie war denn deine allererste Deutschland-Show?
Well, bevor ich auf die Bühne ging, habe ich mit allem gerechnet – I expected the unexpected. Aber es lief sehr gut, ich fühlte wirklich, dass die Leute meine Arbeit schätzen. Nach so einer langen Zeit bin ich zum ersten Mal hier und die Leute jubelten für mich – we all became one, it was beautiful. I love the audience here.

Du hattest soviele Hits in den 60ger und 70ger Jahren. Es ist eigentlich sehr merkwürdig, dass du früher noch nie hier warst. Gibt es einen Grund dafür?
Nein nicht wirklich. Ich wurde schon angefragt hier her zu kommen und ich war schon in ganz vielen Teilen der Erde, spielte unzählige Shows in Amerika, Kanada. Ich war immer wieder in England, weiter reichte es aber nie…Aber heute ist der Start von etwas Neuem…so we’ll see.

Kannst du uns ein bisschen erzählen wie John Holt angefangen hat im Musikbusiness?
Ich hab angefangen als Sänger ungefähr 1962. Damals hab ich bei einem Talent-Wettbewerb mitgemacht und gewann das Finale. Leslie Kong von ‚Beverleys Records‘ fragte mich, ob ich Aufnahmen machen würde für ihn. So startete ich meine Rocksteady-Karriere. It was me by own. Ich fing als Solosänger an und erst später traf ich die Paragons.

Das Harmony-Trio The Paragons wurde Anfang der Sechziger gegründet. Eines der ursprünglichen Mitglieder war Bob Andy, der die Gruppe aber wieder verliess und als Solo-Künstler durchstartete. 1964 übernahm John Holt die Hauptstimme der Band.
Bis zur Auflösung 1970 nahmen die Paragons unzählige Rocksteady-Klassiker auf, deren Melodien die jamaikanische Musik nachhaltig prägte. Junior Kellys ‚Dem Wrong‘ ist eine Anlehnung an ‚My Satisfaction‘, Dennis Brown‘s Monsterhit ‚Man Next Door‘, der auch Massive Attack zu Weltruhm verhalf, stammt aus der Feder John Holt’s und heisst eigentlich ‚Quiet Place / I’ve Got To Get Away‘.

Kannst du uns ein bisschen erzählen über die Zeit mit der Paragons?
Die Paragons war eine Gruppe, die damals regelmässig probte bei der Parish-Church. Wir waren alles Chorknaben. Ich spielte Piano und gemeinsam sangen wir Soul Songs,  nicht mit der Absicht aufzunehmen, sondern für Konzerte in der Kirche. Wir machten immer weiter, bis wir dann gefragt wurden für Coxkson Dodd’s Downbeat (Studio One) Aufnahmen zu machen. That’s How it started really.

Der Sound der Paragons (und Rocksteady im Allgemeinen) war stark beeinflusst vom amerikanischen Soul. War das auch der Haupteinfluss für die Paragons?
Yes, of course. Wir waren stark beinflusst vom Soul aus den USA und vorallem von Harmonie-Trios wie den O’Jays, Platters oder Drifters und all diesen Top-Soulgroups. Wir sangen deren Songs und viele Leute meinten wir sollten unsere Versionen aufnehmen. Das geschah nie, aber wir sangen diese Stücke jedes Wochenende bei unseren Clubshows in ganz Jamaika zusammen mit der Mighty Vikings Band und Byron Lee und seinen Dragonaires, den Skatalites und anderen Backing-Bands.
Wir waren stark beeinflusst vom Soul-Sound. Bis heute liebe ich die alten amerikanischen Stücke – cause I think these songs can bring out the true feeling of your heart.

Gab es ein speziellen Moment als dir klar wurde, dass du’s mit deiner Musik Erfolg haben wirst?
Ganz ehrlich, nein, nicht wirklich. Über so etwas hab ich mir nie den Kopf zerbrochen. Ich machte einfach die Songs, hörte sie im Radio und ich versuchte einfach den nächsten Song noch besser zu machen. I was in a competition with myself to make a better song all the time. Ich wollte einfach noch besser singen als beim letzten Song.
Zu dieser Zeit habt ihr einen Grossteil eurer Songs im legendären ‚Treasure Isle‘-Studio vom Produzenten Duke Reid aufgenommen. Es gibt soviele Geschichten über diesen Mann, stimmt es eigentlich, dass er Tag und Nacht bewaffnet war?
Yes, he was always armed… he was always armed, you see. Er hatte einen riesengrossen Schnapsladen und er beschütze diesen Laden – aber auch sich selbst – mit seinem M16-Gewehr und zwei .45-Knarren. Wenn ihn jemand ausrauben wollte, schoss er auf dich.

Er war aber kein aggressiver Typ – very laid back. Auch wenn er gereizt wurde, blieb er cool. Doch wurde es zuviel, liess er zur Einschüchterung seine Knarren sprechen.

Manchmal schoss er aber auch im Studio in die Decke und Wände?
Wenn er ein Song mochte, schoss er mit seiner Knarre in die Wand. Man konnte im Studio die Einschuss-Löcher sehen. Er war der erste Mann, der Gun-Salutes schoss an Dances. Damals hatte er ja sein Treasure Isle Soundsystem und wenn die Location aus allen Nähten Platze und er ein paar Gläser kippte und in guter Stimmung war, nahm er seine Knarre raus und bopbopbop. 16, 18, 20 Schüsse in die Luft…just because he’s in a good mood.

So die Aussage von John Holt über Duke Reid. Andere Quellen zufolge war ein eher umbequemer Typ. In seinem Liqour-Store hatte er kleine Boxen, sodass er stets verfolgen konnte was im Studio im oberen Stock gespielt wurde. Misfiel ihm die Arbeit der Musiker, rannte er die Treppe rauf und ballerte in die Decke. Auch bei Dances war er nicht ziemperlich: Um gegnerische Soundsystem auszuschalten schickte er Schläger vorbei oder schoss deren Anlage zusammen.

In der Zwischenzeit schlüpft die Tour-Managerin ins Zelt und gibt’s uns Handzeichen, dass wir das Interview beenden sollen – was selbstverständlich ignoriert wird. Da sie wieder verschwindet, sprechen wir John Holt auf das nächste Thema an: ‚The Tide Is High‘.

Ursprünglich ist die Rocksteady-Ballade 1967 erschienen und war damals ausserhalb von Jamaika kein grosser Kassenschlager. 1980 allerdings coverte die New-Wave-Band ‚Blondie‘ das Stück und eroberten in den USA und England den Nr. 1 Spot der Single-Charts.
Mittlerweile gibt es unzählige Versionen vom Paragons-Klassiker: Seeed sangen ‚Tide Is High‘ auf ihren Debütalbum, die englische Girlie-Band Atomic Kitten knackte 2002 die europäischen Charts mit der John Holt Nummern und auch Pop-Prinzesschen Rihanna trällerte schon den eingängigen Refrain.

Wie hast du dich gefühlt als Blondie mit deinem Song die Welt eroberten?
I’m feeling extremly great, weil ihre Version verkaufte sich über neun Million Mal – so wer würde sich dabei nicht gut fühlen? Ich wär ein Idiot, wenn ich anderes behaupten würde.
Ich hörte, dass sie (Deborah Harry, die Sängerin von Blondie) Probleme hatte mit ihrem Verlobten. Mick Jagger, der übrigens auch ein guter Freund von mir ist, liess ‚The Tide Is High‘ in seinem Kasettenrecorder laufen. Deborah fand der Song reflektiert sehr gut ihre eigene Situation, ganz besonders die Zeile ‚Every man wants you to be his girl, but ‚Ill wait my dear til‘ it’s turn‘.
So entschied sie sich eine eigene Version aufzunehmen – speziell für ihren Freund. ‚The tide is high, but I’m holding on‘ – she’s sending a message to him.
Die Paragon’s Version habe ich am Strand geschrieben, ich lebte zwei Blocks weg vom Meer. Damals ging ich jeden Tag mit meiner Gitarre an den Strand. Einmal bin ich dagesessen, die Flut kam, Wellen überschlugen sich und ich schrieb ‚The Tide Is High‘. (Das Wasser/die Gezeiten stehen hoch).

1983 schrieb John Holt einen weiteren Reggae-Meilenstein, der bis heute rauf- und runterläuft an Dances und wirklich jeder mitsingen kann: ‚Police in Helicopter‘.

John Holt erzählt uns über die Hintergründe dieses Songs.
That song was against the burning of marihuana by the jamaican police. But that song is a funny song cause how I got to write that song: Ich flog mit der Air Jamaica von Montego Bay nach Kingston und als ich aus dem Fenster schaute, sah ich Polizei-Hubschrauber herumfliegen und ich sah Rauch von brennenden Ganja-Felder in den Himmel steigen. Also fragte ich eine Stewardesse nach einer Serviette, nahm meinen Schreiber raus und schrieb Zeilen nieder: ‚Police in helicopter seaching for marijuana, soldiers in the field burning the collie weed, but if you continue to burn down the herbs, we gonna burn down your cane-field (Zuckerrohr-Felder).
Aber der Song wurde verboten. Weil die Leute tatsächlich Zuckerrohr-Felder anzündeten, war ‚Police in Helicopter‘ nur ein einziges Mal im Radio zu hören. Fast wär ich in Schwierigkeiten geraten wegen dem Song.

Nach knapp 20 Minuten ist der Spass vorbei: Die Tour-Managerin verkündet, dass Herr Holt ins Hotel müsse, da morgen wieder ein anstrengender Tag sei. John Holt spricht noch Jingles ein und posiert für Fotos und dann verschwindet die Reggae-Legende auch schon im Shuttle-Bus. Hoffen wir, dass es nicht wieder 45 Jahre dauern wird bis zu seinem nächsten Auftritt auf dem europäischen Festland. d.h

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