Interview: Gappy Ranks & Romain Virgo – Summerjam-Pressekonferenz: Heisser Kaffee, Studium & ein schlafender Manager

Reggae

Auf den ersten Blick mag die Kombination Gappy Ranks und Romain Virgo etwas merkwürdig erscheinen. Gappy Ranks aus England setzt auf modernen Synthie-Dancehall mit Stimmverzerrer, Romain Virgo aus Jamaika singt Liebeslieder über handgemachte Live-Riddims.

Es gibt aber einen gemeinsamen Nenner: Die französische Agentur Special Delivery (Booking, Label & Managment), welche die beiden doch so ungleichen Acts betreut. Deshalb teilten sie sich am Summerjam 2011 einen Festival-Slot und traten im Doppelpack zur Medienkonferenz an.


Sie waren bester Laune als sie den Presse-Container betraten. Bevor die offizielle Fragerunde losging, packte Romain Virgo sich eine Lesebrille und imitierte den Prime-Minister Bruce Golding, Gappy Ranks schlüpfte in die Rolle eines Journalisten und erkundigte sich beim Staatsoberhaupt über den Stand der jamaikanischen Wirtschaft. Ganz zum Amüsement der anwesenden Journalisten.

Begleitet wurden die beiden von ihrem (Tour)-Manager JP vom Special Delivery Camp, der ebenfalls Platz nahm und noch für einen grossen Lacher sorgte während der rund 30minütigen Pressekonferenz. (Bilder in voller -> draufklicken)

 

[Reggaenews] Geht es immer so lustig zu und her wenn ihr gemeinsam unterwegs seid?
[Gappy Ranks] Es ist die erste gemeinsame Tour, aber wir verstehen uns von der ersten Woche an. The energy lock. Wir sind beide junge Reggae-Sänger mit derselben Motivation.
[Romain Virgo] Es ist immer wichtig, dass man Spass hat. I think when you’re doing music and don’t enjoy yourself, I think the right vibe won’t come out to please the crowd.

[Reggaenews] Ich war schon öfters in London unterwegs und etwas was man oft hört ist „Please Mind The Gap“. Hat das etwas mit deinem Namen zu tun?
[Gappy] NO…der Name kommt von meiner Zahnlücke. Du sprichst von der Londoner U-Bahn,
which is a complete mess right now, but that’s a different story. Gappy Ranks comes from my gap in my teeth. Ich habe den Spitznamen schon seit ich klein war und er ist hängengeblieben. Alle meine Freunde kennen mich als Gappy Ranks.
[Romain] Und die Mädels lieben es.
[Gappy] They love it. (Grinst)

[Reporterin aus Italien] Aus welchem Teil in London kommst du?
[Gappy] Vom Quartier Harlesden, das in Nordwest-London liegt.

[Reggaenews] Ist das eine jamaikanische Community?
[Gappy] Ja, auf jeden Fall. Ein wichtiger Ort für die Jamaikaner in London. Bob Marley verbrachte die meiste seiner Zeit in Harlesden, wenn er in England war. Brixton ist etwas bekannter, aber Harlesden ist ein einflussreiches Quartier in der Entwicklung der Reggaemusik in UK.

 

[Reggaenews] Hat es sich dort ein bisschen angefühlt als würdest du in Jamaika grosswerden?
[Gappy] Definitiv, wir haben immer ganz genau mitgekriegt was in Jamaika gerade so passiert und die Stimmung ist sehr ähnlich. Die Musik hat eine grosse Bedeutung in dieser Community, das Essen, die Mentalität ist sehr ähnlich, da viele Jamaikaner in Harlsden leben. Natürlich sind England und Jamaika zwei total verschiedene Länder, but in times of culture & spirit – same ting in Harlsden.

[Reggaenews] Die Briten lieben Tee…(Kunstpause)
[Gappy] Das tun sie.

[Reggaenews] Warum nennst du denn dein Label „Hot Coffee“? [Gelächter]
[Gappy] 90% aller meiner Songs nehme ich selbst auf. Bevor ich mein eigenes Studio eingerichtet habe, nahm ich meine Songs auf einem MacPro auf. Songs wie „Stinking Rich“ oder „Heaven in Your Eyes“ sind alle auf diesem kleinen Laptop entstanden. Eines Tages trank ich eine Tasse „Hot Coffee“ und schüttete den Kaffee über meinem Laptop. Ich verlor einiges an Material…Computer crashed. Aber ich versuch immer aus jeder Situation das Beste zu machen…so kam es zum Labelnamen „Hot Coffee“.
Wir sind ein Independent Label und haben gerade erst mein Album „Thanks and Praise“ veröffentlicht. Hot Coffee ist das Label, VP macht den Vertrieb. Wir produzieren eigene Riddims und pushen neue Künstler. Momentan sind wir weltweit tätig, it’s a good feeling to work with a good team.

(Kurze Stille)
[Gappy] Jemand noch mehr Fragen?
[Romain] Yes, Mr. Prime Minister. (Der ganze Container lacht)


[Reggaenews] Romain, du bist das dritte Mal hier, es ist deine zweite Europa-Tour. Wie kannst du es dir erlauben soviel zu touren, solltest du nicht an deinem Bachelor arbeiten? (Er studiert neben dem touren an einer Musikschule in Jamaika)
[Romain] Aaah…School Thing. Ich liebe Musik und ich liebe die Schule…und ich mache Musik an der Schule, es passt also zusammen. Manchmal bin ich halt 1 oder 2 Monate weg vom Studium, das ist nicht einfach. Aber diesen September wechsle ich zum Teilzeit-Studium...I cyaan handle fullltime anymore, I would miss sometime propably a whole semester and that’s not good. Musik und Studium machen mir Spass, ich möchte mit Keinem von beiden aufhören.

[Reggaenews] Hast du deine Bücher dabei auf der Tour?
[Romain] Noooo…jetzt sind ja Ferien. Erst im September geht’s weiter. Ich lerne momentan Keyboard spielen und versuche möglichst viel zu üben. Momentan fokussiere ich mich aber 100% auf die aktuelle Tour. Wir sind 6 Wochen in Europa, haben noch viele Shows vor uns und dann am 10. August geht’s zurück nach Jamaika.

[Reggaenews] Seit Anfang von deiner Karriere hast du eine grossartige Stimme, inwiefern hilft es dir die Musiktheorie weiter als Artists?
[Gappy] Good Question.
[Romain] Ich lernte zu singen in der Kirche und beim Musikhören, jetzt geh ich zur Schule und lerne auch den theoretischen Teil davon. Man schaut die Musik aus einer neuen Perspektive an, you look pon music more deeper. Man hat ganz neue Ideen, sieht neue Wege um Melodien zu finden. Ich denke es ist für jeden Sänger, der eine seriöse Karriere anstrebt, von Vorteil eine Ausbildung zu machen and learn about music. Aber man muss aufpassen, dass man nicht zum absoluten Perfektionisten wird. Musik sollte auch spontan sein.


[Reggaenews] Gappy, wie war das bei dir? Mochtest du den Musikunterricht back in the days?
Nein, gar nicht. Der Musikunterricht in England befasste sich hauptsächlich mit klassischer Musik, Mozart…Beethoven, Musik zu der ich keinen Bezug hatte. I didnt‘ feel it...aber das zeigt nur, dass ich damals noch unreif war und keine Ahnung hatte, um was es in der Musik wirklich geht. Heute bedauere ich, dass ich damals nicht besser aufgepasst habe und kein Interesse hatte. Aber ich lernte meine „
musical lessons“ anderswo. Zuhause in meiner Community oder beim Radio hören. I embrace learning. Es ist immer gut dazu zulernen und dafür ist es niemals zu spät.

[Reggaenews] In vielen deiner Songs nutzt du Pitch-Control (ein Stimmverzerrer-Effekt ähnlich wie Autotune) und viele Leute finden: „Gappy Ranks hat ein paar gute Tunes, aber dieser Effekt nervt manchmal“. Was sagst du dazu?
[Gappy] Jeder ist berechtigt eine eigene Meinung zu haben. Ich bin nicht nur Sänger, sondern auch Studioengineer, deshalb probiere ich immer neue Sachen aus. Ja, ich nutze Pitch-Control auf manchen Songs, nicht jeder mag diesen Effekt.
But that just shows you, that in the music you can not please everybody and if you concentrate to trying to please everybody, you never can be yourself. Du kannst nur Fehler machen, wenn du versuchst dich zu verstellen…

[Reggaenews] Und man muss sagen, dass du diesen Effekt nur als „Style“ benutzt und nicht um falsche Töne zu korrigieren.
[Gappy] Genau. Jeder der eine Gappy Ranks Performance gesehen hat, kann das bestätigen. In den letzten zwei Jahren habe ich in rund 20 Länder t & über 50 verschiedene Städte gespielt…Alle waren zufrieden.

[Reggaenews] Einer deiner ersten Tunes den ich gehört habe, war das Studio One Tribute „Put the Stereo“. Waren die Sonntage so wie du es im Lied ansprichst?
[Gappy] Unter der Woche mussten meine Eltern arbeiten, meine Geschwister und ich waren in der Schule. Immer am Sonntag kam die Familie zusammen und mein Vater spielte die alten Studio One 7″-Platten….

…Gappy unterbricht…denn JP, sein Manager, ist auf seinem Stuhl eingeschlafen. Alle drehen sich in seine Richtung. JP döst ruhig weiter…bis Gappy seinem Manager zuruft „JP wake up“. Dieser öffnet verstört seine Augen und guckt verdutzt in die Runde.


JP’s Nickerchen und sein verstörtes Aufwachen lösst einen Lachausfall aus beim jungen Romain Virgo. Er kriegt sich gar nicht mehr ein, versteckt sein Gesicht unter seiner Jacke und flüchtet für eine Minute unter den Tisch.

 

Gappy Ranks nimmt den Faden wieder auf von der letzten Frage: „…Ich erinner mich sehr gut an die Sonntage. Auch in schwierigen Zeiten haben die Studio-One Platten die Familie zusammengeschweisst. Deshalb habe ich dieses Lied aufgenommen. Put The Stereo On.“

[Reporter aus Serbien] Gappy, du hast kürzlich einen Song mit dem jamaikanischen Produzenten Rushan aufgenommen. Wie kam es dazu?

[Gappy] Ich war zum ersten Mal in Kontakt mit Rushan als er den Gogo-Club Riddim rausbrachte. Ich habe auch ein Tune aufgenommen, der leider nicht so bekannt wurde. Das war 2009 und seitdem habe ich den Kontakt mit ihm aufrechterhalten. Als ich die Idee zu „Tun Up“ hatte, habe ich ihn angerufen und gesagt „jump pon it“. So kam es zu der Collabo.

[Reggaenews] Ich hab gehört, dass du nur sehr wenig Zeit brauchst bis deine Songs im Kasten sind. Kannst du uns etwas über deine „Arbeitsethik“ erzählen? Wie lang geht’s von der Riddim-Listening-Session bis der Song draussen ist?
[Gappy] Keinen meiner Songs habe ich auf Papier niedergeschrieben, dass habe ich 10 Jahre lang gemacht. Heute gehe ich einfach ins Studio, drücke Play und was auch immer rauskommt wird aufgenommen. Ich plane nicht. However I feel today, is what I gonna sing today. Manchmal passiert, dass ich 3, 4 oder 5 Songs an einem Tag aufnehme. I like to work.

[Reggaenews] Nimmst du denn auf der Tour mit deinem Laptop auf?
[Gappy] Yes of course, we record on tour. Wir schiessen auch alle unsere Video’s selber.

In den letzten 2 Jahren hast du unglaubliche viele Lieder rausgebracht…Impossible to count. Denkst du nicht, dass es zu viele sind?
[Gappy] (Schüttelt den Kopf) Nein. If it would be too much for me, I would not be able to do it. If it is too much for you, then YOU need to catch up. (Gelächter)
Das ist das Schöne an der Musik. Musik ist kreativ, du hast die Freiheit zu sagen was du möchtest. Wenn du viel zu sagen hast, dann tu es. Jeder Gappy Ranks Song hat eine Message. I love what I do, and I do what I love.

 

 

[Report aus Serbien] Romain, du hast ein Alton Ellis Medley aufgenommen. Ist er einer deiner grössten Einflüsse?
[Romain] Nicht nur, aber sicher auch. Ich muss mich bei meiner Mummy bedanken, dass sie Zuhause all diese Alton Ellis Songs  laufen lassen hat. In der Community, wo ich aufwuchs, legten Soundsystems wie Vikings oder Black Spider vom Freitag bis Sonntagabend auf. Von dort kommt meine Liebe zur Musik. Alton Ellis ist sicher einer der Acts, der grossen Einfluss auf mich hatte.

[Report aus Serbien] Welche Künstler sonst noch?

[Romain] Beres Hammond (Gappy: Mad).
I couldn’t get away from Bob Marley, cause I’m from the same area where he grew up. Dennis Brown, ich hörte viel Sanchez. Jah Cure…woah (überlegt). Luciano…hauptsächlich Sänger…Lovers Rock Style.

[Reggaenews] Und ausserhalb vom Reggae? Was ist mit amerikanischen Soulsänger?
[Romain] Yeah. Künstler wie Percy Sledge, Sam Cooke, Marvin Gaye (Gappy kommentiert alle Namen mit Mad)…James Brown, Michael Jackson. Alle Motown-Acts höre ich sehr viel.
Die Leute beschreiben mich immer als eine „alte Seele“ und sind immer überrascht, dass ich erst 21 Jahre alt bin.

[Reggaenews] Da gibt’s doch diese Story. Als du „Can’t Sleep“ rausgebracht hast, gab es sogar in Jamaika Leute, die überrascht waren über dein Erscheinungsbild, als sich dich das erste Mal live sahen.
[Romain] Yeah, stimmt. Nicht in Jamaika, denn da kannten die Leute mein Gesicht von Rising Stars, dass jeden Sonntagabend im Fernsehen lief. Aber wir gingen damals nach Trinidad, es war eine meine erste Show ausserhalb von Jamaika. Die Leute dort hörten meine Songs im Radio, hatten aber keine Ahnung wie ich aussehe. Und wegen den Lyrics von ‚Can’t Sleep‘ vermuteten sie eher einen Rasta-Guy oderso.
Ich eröffnete meinen Auftritt mit „Can’t Sleep“. Noch hinter der Bühne sang ich die ersten Zeilen „R
ight a now this is a serious time…„, dann rannte ich hinaus. Das Publikum war total erstaunt. Alle erstarrten und schauten mich ungläubig an. Sie erwarteten keinen 21-jährigen Baldhead-Singer. 

 

Manager JP unterbricht: „Letzte Frage“. Romain Virgo an JP: „Weil du schlafen möchtest?“. JP singt: „Me cyaan’t sleep“ und lacht. Romain Virgo kündet noch für 2012 sein nächstes Album an, es werden noch massig Jingles eingesungen und danach verschwinden sie im Backstage. Good Night JP.

 

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